
Die Stunde fünf war für die Formen vorgesehen. So startete Claudia mit der Vorführung unserer Grundform. Da sie einige der geplanten Prüfungsfragen dazu schon in ihrem Seminar erklärt hatte, konnten wir uns schnell um die Erklärung der einzelnen Bewegungen kümmern. Eine völlig neue Sichtweise war die Erklärung der Form in Bildern, die wir so auch nicht im Unterricht behandelt hatten. Aber bei der Entstehung der Form hatte diese typisch chinesische Art der Herausbildung einer Form eine große Rolle gespielt. So konnte ich sie doch mit etwas Neuem überraschen. Dann zeigte sie ihre erweiterte Grundform, in der sie vor allem Elemente der Stahlpeitsche einbaute. Da sie ohnehin die Stahlpeitsche gut beherrscht, gab es hier einige interessant übertragene Elemente zu sehen.
Viel Vorbereitung hatte sie eine neue Form mit einer zweiten Waffe gesteckt. Dabei war ihre Waffe wahrscheinlich bis dahin allen anderen unbekannt. Es war eine Mischung aus langem Griff und vielen einzelnen Fäden, die im Original eher die Härte von Draht hatten. Sicherlich früher eine unterschätzte Waffe, die zu deutlichen Verletzungen führte. Claudia hatte sich damit eine spannende Kombination mit der Peitsche ausgedacht. Besonders die Handwechsel zwischen beiden Waffen waren sehenswert.
Nach diesem Auftritt musste sie nun verschiedene Aufgaben lösen. Zuerst zeigte sie die Kombination mit langer und kurzer Peitsche. Dann ging es um die Übertragung von Bewegungsmustern anderer Waffen auf die Peitsche. Da hatte sie mit der Stahlpeitsche schon Vorsprung, aber es gab noch mehr Parallelen zu anderen starren und flexiblen Waffen. Darauf folgte eine Vorführung mit der 10 Fuß-Peitsche. Hier zeigt sich immer, ob das Verständnis für das Tempo der Peitsche vorhanden ist. Als nächstes zeigte sie nochmal eine Kombination von Tomahawk und Peitsche, also den Unterschied in der Handhabung mit einer Klingenwaffe. Den Abschluss bildete eine Mischung aus allen Waffen immer zusammen mit der Peitsche. Das führte sie mit hoher Kreativität vor, sodass wir diesen Teil abschließen konnten.
Nach kurzem Umzug in die KungFu Schule begann dort der anschließende Teil. Jetzt galt es in der letzten Stunde zu zeigen, wie sie die Peitsche in der Selbstverteidigung einzusetzen wusste. Natalie, Christian und Michi hatten sich als Gegner bereit erklärt. Los ging es mit Verteidigung gegen Schläge und Tritte, alles immer mit dem Einsatz der Peitsche. In der nächsten Stufe waren die Angreifer mit Airbags geschützt und mussten auf Distanz gehalten werden. Mit Stöckern bewaffnet ging des danach in den Übergang zur Nahdistanz. Ein wichtiges Detail war hierbei das Einkürzen der Peitsche beim Überbrücken der Entfernung. In der Auseinandersetzung mit dem Stock war vor allem der Einsatz des Griffendes gefragt. Die nächste Herausforderung war der Kampf gegen Messerangriffe und die Nutzung des Peitschengriffes zur Fixierung und Abwehr.
Kurz vor dem Finale musste Claudia verschiedene Varianten von Befreiung aus der Bodenlage zeigen. Hier hatte sie mit Natalie und Michi zwei Spezialisten auf dem Gebiet, die sogar noch ihr Wissen dazu kurz vorführen konnten. So in den einzelnen Themen abgefragt, führte alles in ein abschließende Verteidigungssituation gegen alle Waffen. Auf den bei uns bekannten Schlachtruf „Barschlägerei“ hin, durften nun alle Zuschauer mitmachen und Claudia noch mal alles abverlangen. Jeder griff sie mit allem an, was bereit lag, damit sie das bis dahin gezeigte Spektrum an Selbstverteidigung mit der Peitsche nochmal vorführen konnte. Nach zehn Minuten war dieses Finale beendet und die Prüfung geschafft. Sichtlich erleichtert und auch emotional ergriffen, löste sich sichtbar die Anspannung der Vorbereitung und der letzten Stunden.
Stolz nahm sie nun von Sijay Christiane das schwarze Trikot, von Sifu Jürgen die Urkunde und von mir dem schwarzen Gürtel entgegen. Nach zwölf Jahren hat sie es von ihrem ersten Versuch mit einer Peitsche bis zum Schwarzgurt geschafft. Damit ist sie auch zugleich die erste Frau mit diesem Titel. Herzlichen Glückwunsch, wir sind sehr stolz und freuen uns nun auf eine Zeit, in der sie ihre Erfahrung und ihr Engagement einbringen wird, um die Organisation und die Anzahl der Schüler weiter anwachsen zu lassen.
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